Die Theatergruppe „Kolping Orange“ führt das Stück „Die Mauer“ auf.

Die Mauer ist auch tatsächlich da. Großformatige „Steine“ teilen die Bühne in Ost und West. Der Alltag in der „Ehemaligen“ wird durch die Ostfamilie Tietze dargestellt. Optisch leicht erkennbar durch die Garderobe, besonders durch die Original-Ostuniform von „Vati“ Udo Tietze, treffend besetzt von Gerald Brüning. Während „Mutti“ Irene, Ellen Bode, sich nach dem morgendlichen Frühstück auf den Weg zur Arbeit in die Dampfwaschanstalt macht und die zwei heranwachsenden Kinder im FDJ-Alter Peggi und Ronny, Marilena Preuß und Jasper Praetze, zur Schule müssen - natürlich in FDJ- Hemden. Derweil tritt Volksarmist Tietze seinen Dienst als Grenzwächter an. Er hockt über der Mauer auf einem imaginären Wachturm und beobachtet den antifaschistischen Schutzwall. Den Zuschauern ist nicht nach Lachen zumute. Sie sind offensichtlich nachdenklich geworden angesichts der sicherlich überzeichneten Szene.

Schlange
Schlangestehen gehört zum DDR-Alltag. Man wusste nie, was gerade vorrätig war. Hier sind es Teller, die Ostphantom Nadja Behrens ausgeben kann.

 

Harsum(rs). „Wie stellt man fest, wo Osten oder Westen ist?“ Vater Vogelweide, alias Bernd Lorenz, Oberhaupt der Westfamilie, erzählt am häuslichen Wohnzimmertisch gern DDR-Witze. Die Antwort liefert er gleich selbst: „Man legt eine Banane auf die Mauer. Wo abgebissen wird, ist Osten!“ Ehefrau Elisabeth, verkörpert von Renate Knetsch, die Kinder Charlotte (Svenja Tafel), Alexandra (Madeleine Müller) und Putzfrau Hausmann (Monika Neumann) lachen pflichtbewusst. Der Beifall des Publikums im Harsumer katholischen Pfarrheim zeigt, dass auch 20 Jahre nach dem Mauerfall die Pointe angekommen ist. Besonders brandet Applaus auf, als Marina, dargestellt von Susanne Schneider, im Osten die Banane tatsächlich abbeißt. Marina ist es auch, die in drei Jahre alten West-Katalogen vom Urlaub in der Südsee träumt.
Die Theatergruppe „Kolping Orange“ führt das Stück „Die Mauer“ auf. Sie, die Mauer, ist auch tatsächlich da. Großformatige „Steine“ teilen die Bühne in Ost und West. Der Alltag in der „Ehemaligen“ wird durch die Ostfamilie Tietze dargestellt. Optisch leicht erkennbar durch die Garderobe, besonders durch die Original-Ostuniform von „Vati“ Udo Tietze, treffend besetzt von Gerald Brüning. Während „Mutti“ Irene, Ellen Bode, sich nach dem morgendlichen Frühstück auf den Weg zur Arbeit in die Dampfwaschanstalt macht und die zwei heranwachsenden Kinder im FDJ-Alter Peggi und Ronny, Marilena Preuß und Jasper Praetze, zur Schule müssen - natürlich in FDJ- Hemden. Derweil tritt Volksarmist Tietze seinen Dienst als Grenzwächter an. Er hockt über der Mauer auf einem imaginären Wachturm und beobachtet den antifaschistischen Schutzwall. Den Zuschauern ist nicht nach Lachen zumute. Sie sind offensichtlich nachdenklich geworden angesichts der sicherlich überzeichneten Szene.

„Die Mauer“ lebt von Details: Ob das nun das Honecker -Portrait in der Ost-Stube ist, die Straßenschilder Oststraße / Weststraße oder die beiden Flaggen „Hammer und Sichel“ und „verschränkte Freundschaftshände“ sind. Die schauspielerischen Akzente beeindrucken, wie die in „perfektem Russisch“ vorgetragene Ansprache des Soldaten mit schwerem Militärmantel und Fellmütze, glänzend verkörpert von Matthias Schneider. Kurz aber prägnant konnten die Zuschauer die bekannte Fluchtszene des Volksarmisten erleben, der zu Beginn des Mauerbaus die Grenze in voller Uniform mit Stahlhelm und Waffe überwand. Bernd Lorenz stellte den fliehenden Soldaten dar. Die Schauspieler sind gefordert: Ständig müssen sie in verschiedene Rollen schlüpfen. „Im Flur sieht es aus wie auf einem Schlachtfeld“, beschreibt Birgit Tafel die Situation im „Umkleideraum“ Sie selbst füllt gekonnt fünf (!) verschiedene Rollen aus: Pastorin, Stasimitarbeitern, russische Soldatin, Frau Kaminski und eine Sprecherin. Genauso schnell muss Matthias Schneider sein: Er besetzt vorwiegend „fiese“ Rollen: etwa die des Vopos, des Pionierleiters, des Abschnittsbevollmächtigten, des Jugendweihebeauftragten und des Politikers. Exakt legen Schneider und Lorenz als Volksarmisten einen Stechschritt zu „Preußens Gloria“ hin. Kommentar von Zuschauerin Irmgard Kreye aus Borsum: „Ich bin begeistert. Alle wesentlichen Elemente der ehemaligen DDR wurden in dem Stück eingefangen. Selbst Jugendweihe und Stasiverhöre fehlten nicht.“
Mit einer besonderen Aufgabe hat Autorin und Regisseurin Elisabeth Praetze Nadja Behrens bedacht. Ihr ist die Rolle des Ostphantoms wie auf den Leib geschnitten. Ganz in Schwarz wuselt sie mit graziler und tänzerischer Leichtigkeit „auffallend unauffällig“ zwischen den Akteuren herum. Mal ordnet sie die Dekoration, mal macht sie durch ihre Gestik auf einen besonderen „Tatbestand“ aufmerksam. Mit ihrer Stimme aus dem Hintergrund beschreibt sie treffend das geduldige Warten in der ehemaligen DDR: „Wir warten auf ein Auto, auf eine Wohnung, einen Brief, auf ein Kind, auf einen Zettel, der uns berechtigt das Land auf Dauer zu verlassen...“

Kritische „subversive Töne“ kommen auf. Sonja (Anna Knetsch), „bewaffnet“ mit ihrer Gitarre, will endlich singen, was sie fühlt. Die Jugendlichen sind es auch, die die Sprechchöre bilden: „Plutonium, Plutonium, das haut die stärkste Omi um!“ Und bezogen auf Harsum: Hopp, Hopp, Hopp, Brückenabriss Stopp! Aber gleich wieder ernsthafter werdend: „Wir sind das Volk!“ Inzwischen ist die „Menschenmenge“ angewachsen. An einem Plakat entzündet sich eine Diskussion zwischen dem autoritären, noch regimetreuen Vopo und dem evangelischen Pfarrer. Der Originalton von Günter Schabowski, der die Öffnung der Mauer verkündete, fehlt nicht. Die Nationalhymnen „Auferstanden aus Ruinen“ und „Einigkeit und Recht und Freiheit“ zuerst von den beiden Gruppen noch getrennt gesungen, verschmelzen schließlich zu einer: „Einigkeit und Recht und Freiheit“. Einige Zuschauer aus dem Publikum stimmen ein. Der Vopo steht sichtlich entspannt abseits.
Lang anhaltender Beifall des Publikums, teilweise stehend, belohnt das 14-köpfige Ensemble und die Regisseurin Elisabeth Praetze.

Vater Vogelweide erzählt gern DDR-Witze. Susanne Schneider (von rechts), Bernd Lorenz. Madeleine Müller, Monika Neumann, Svenja Tafel und Renate Knetsch.